

Auch die Strassenverhaeltnisse nach Manali waren nicht besser als nach Shimla: enge Spuren, eine Kurve nach der anderen und immer wieder Steine auf der Strasse. Wenn man nicht auf die Fahrspur schaut, stellt man aber erstaunt fest: Hier sieht es aus wie in den Alpen. Wir fahren auf etwa 2000 Metern Hoehe, vorbei an kleinen Wasserfaellen und Laubwaeldern, ueberqueren Flusslaeufe und Staudaemme. Die Haeuser sind teilweise aus Holz gebaut, teilweise stehen hier Fachwerkgebaeude. Als wir nach acht Stunden in Manali ankommen, fletzen wir uns erstmal in die Hollywoodschaukel auf unserem Balkon und geniessen den Ausblick. Die Suche nach unserer Unterkunft war nicht ganz leicht. Zwar ist die Auswahl riesig, da gerade keine Saison ist. Doch was man angeboten bekommt, ist wie so oft sehr abenteuerlich. Mir ist bis heute nicht klar geworden, warum es selbst in etwas besseren Gaestehaeusern keine sauberen Bettlaken gibt. Das Inlay, in dem ich schlafe, ist deshalb mein bester Freund auf der Reise geworden. Saugen oder fegen muss man in den Zimmern auch nicht, finden viele Gaestehausbesitzer. Ich bin ja kein Reinlichkeitsfetischist, der bei jedem Staubkorn aufschreit, aber so ein bisschen Sauberkeit tut doch ganz gut.
einem kleinen CafĂ©. In einem Nebenraum sitzen und liegen Anfang-Zwanziger mit Leinenhemden und -hosen, Piercings und Schals. Can fuehlt sich mit seiner Markenjeans und Tanktop unwohl unter diesen Extremalternativos. Manche singen zur schrabbeligen Gitarrenmusik, manche doesen vor sich hin – ein Joint geht rum. Die Gruppe ist aus
Also kaempft sich an diesem Morgern unser Wagen ueber schlammige Wege mit Schlagloechern den Berg hinauf. Oben angekommen lernen wir unsere Piloten kennen. Chatil (oder so, diese indischen Namen kann man sich einfach nicht merken) ist mein Pilot. Er ist 18 Jahre alt, reicht mir bis zum Kinn und wiegt geschaetzte 60 Kilo. Na ja, die werden schon wissen, was sie tun. Da die Gondel leider kaputt ist, muessen wir den Flugberg hinaufklettern. Voellig schweissgebadet kommen Can und ich oben an. Vor uns stuerzt sich eine Gruppe von Sikhs in die Tiefe. Die Jungs ziehen noch nicht mal zum Fliegen ihren Umhang aus und behalten ihren Dolch bei sich. Und so schweben weissgewandete Glaeubige vor uns ins Tal. Bis hierhin hatte ich keine Angst, doch jetzt kurz vor dem Absprung wird mir doch mulmig.
Dann geht es los. Losrennen, Schirm hochziehen, rennen, rennen. Irgendwie kommen wir nicht richtig von der Stelle. Ich bleibe mit einem Bein im hohen Gras haengen. Dann endlich gleiten – und geniessen. Der Anblick in die Tiefe ist atemberaubend. So fuehlen sich also Voegel. Unten angekommen bin ich richtig aufgedreht, aber auch ein wenig enttaeuscht. Denn statt der fuenf bis 20 Minuten hat der Flug gerade mal 3 ½ Minuten gedauert. Eigentlich kein grosses Ding. Aber irgendwie haben Can und ich uns dann doch so verarscht gefuehlt, dass wir ein wenig Geld zuruckhaben wollten. Also verhandeln. Wer mit Indern verhandelt, der braucht Geduld und muss standhaft bleiben. Wie gut, dass wir nun schon laenger im Lande sind und uns so auch nach einer Viertel Stunde nicht geschlagen geben. Es zahlt sich aus.

s sind hartnaeckig, kleben an der Fensterscheibe, versuchen die Tuer zu oeffnen. Parwan gibt Gas, wir sind weg.Shimla ist nur Durchgangsstation fuer uns, weil es einfach zu touristisch hier ist. Frischverheiratete indische Ehepaare geniessen hier ein paar schoene Tage, wir machen nur eine kleine Wanderung. Sie fuehrt uns zum “Jakhu”-Tempel, dem Affen-Tempel. Nach einem Trip durch den nebligen Wald kommen wir an. Als wir Verkaeufer sehen, die krumme Wanderstoecke verkaufen, denken wir gleich an Touristennepp. Haetten wir mal einen genommen! Der Tempel heisst nicht umsonst Affentempel. Der urspruengliche Name ruehrt daher, dass hier die Fussabdrucke von Hanuman zu sehen sein sollen. Hanuman war der Anfuehrer einer Affenarmee, die der Gottheitsinkarnation Rama beim Kampf gegen einen Daemon half. Heute traegt der Tempel aber auch deshalb den Namen, weil es von Affen nur so wimmelt. “Ach wie niedlich, diese kleinen Racker”, denkt man sich und moechte am liebsten gleich einen in den Rucksack stecken; als Kuscheltier fuer zu Hause. Die Affen mit den krummen Stoecken zu verjagen, kommt fuer uns gar nicht in die Tuete. Ich hatte vorher zwar gelesen, dass die Affen gerne mal ein bisschen
Als ich einen Moment unaufmerksam bin, passiert dann aber etwas womit ich ueberhaupt nicht gerechnet hatte. Das Muttertier, dessen Kind wir gerade noch als so suess in Augenschein genommen hatten, laesst ihr Kleines herunterplumpsen, springt auf
mir ihre Gegenstaende zuruckzuholen. Er tauscht mit dem Affen Nuesse gegen Brille. Ich tausche dann 20 Rupees gegen meine Brille ein. Waere auch zu aergerlich gewesen, wenn ich mir schon wieder eine neue Brille haette kaufen muessen. In Ahmedabad war meine vorige einfach so in der Mitte zerbrochen. Kostenpunkt fuer die neue Brille: 22 Euro. Dauer von der Bestellung bis zum ersten Anprobieren: 24 Stunden. Das nenne ich mal Dienstleistungsgesellschaft. Auf dem Weg zurueck muessen wir uns gegen einen der Racker mit blutunterlaufenen Augen wehren. Wie gut das Can – vielleicht schon trainiert durch die Vorbereitung auf seine zukuenftige Karriere? – einen kraeftigen Karatetritt gegen den Affen einsetzt. Das ist auch das freche Vieh beeindruckt. Thank you, Tom Cruise!
Das Auto ist also ein guter Mittelweg. Unser Fahrer auf der Tour ist Parwan. Parwan ist 24 Jahre alt und natuerlich schon verheiratet. Mit dem Heiraten ist es in Indien so: Auf den Doerfern “vermitteln” die Eltern weiterhin haeufig ihre Kinder. No choice! Wenn man Glueck hat, schicken die Eltern vorher ein paar Fotos von der moeglichen Braut/dem moeglichen Braeutigam. Dann koennen die beiden noch zustimmen. Oft ist es dann so, dass sich die beiden erst an dem Tag von Angesicht zu Angesicht gegenenueberstehen, an dem sie sich verloben. Wer in einer moderneren Familie aufwaechst, hat die Wahl - sollte sich aber beeilen. Wenn eine Frau mit etwa 24 und der Mann mit circa 30 noch keinen Partner fuers Leben gefunden hat, dann suchen die Eltern eben jemanden.
Wenn Parwan Auto faehrt, dann hupt er gerne im Rhythmus zur indischen Musik. Ab und zu macht er waehrend der Fahrt seine Autotuer auf, um hinauszuspucken.
Er koennte auch das Fenster herunterkurbeln, doch dann koennten seine Spuckreste einen rot-braunen Streifen hinterlassen. Denn der Grund fuer seine andauernden Spuckattacken ist der Kautabak in seinem Mund. Das Zeug sieht aus wie feiner, grauer Kies und schmeckt wie eine Mischung aus Sand, Mehl und Pfefferminzbonbons. Und es macht einen hellwach. Ich habe es einmal probiert. Wenn man eine Packung davon in den Mund fuellt, fuehlt man sich, als haette man einen fuenffachen Espresso getrunken: wie auf Drogen und hellwach. Wenn man die Tabakspucke herunterschluckt, kriegt man Magenschmerzen und Schluckauf. Deshalb laesst man das lieber. Parwan haut sich jedenfalls jeden Tag 20 Packungen Kautabak rein. “Ich muss ja wach bleiben”, sagt er und lacht dabei.
http://www.youtube.com/watch?v=wwO1uUMzniE
http://www.youtube.com/watch?v=1v2UfspiV-o
Auch wenn es haeufig eng und brenzlig wird – irgendwie passt es dann doch. Gott Shiva wird’s schon richten. Und so ist man nach kurzer Zeit auch dann voellig unbeeindruckt, wenn man durch einen kilometerlangen Tunnel faehrt, der nicht beleuchtet ist. Autos ohne Licht? Wieso sollte uns das noch schocken?! Ein wenig mulmig wurde uns dann aber doch, als fast ein Steinschlag auf uns herniederging. Wir waren alle ein wenig am Doesen, als wir ploetzlich nicht mehr weiterfahren konnten. Parwan stieg aus und fragte, was los sei: Etwa eine halbe Minute vorher waren kurz vor uns ein paar maechtige Steine auf die Strasse gekracht. Glueck gehabt!
Mitarbeiter und chaotische Organisation. Wir haben Moritz und Basti, die im vorigen Semester dort studiert haben, getroffen und das erste Mal das Mensaessen gekostet: Reis mit Gemuesematsch und irre scharfer Sosse. Lecker, wie eigentlich fast immer in Indien.


Auf der Strasse regiert das Recht des Staerkeren. Fahrrad-Rikshas weichen Autorikshas aus; Auto-Rikshas richtigen Autos und die wiederum den Bussen. Die Busse sind besonders in Delhi sehr gefuerchtet. In den letzten Wochen hat es alleine in Delhi Dutzende Unfaelle gegeben, bei denen Busse Rikshafahrerer oder Fahrradfahrer (ja, auch solche Verrueckte gibt es hier) totgefahren haben - ein Seite1-Thema in allen Tageszeitungen. Auch bei einer unserer Fahrten haben wir mal nen Fahrradfahrer umgemangelt. Der Fahrer hat nur kurz rausgeguckt und ist dann weitergefahren. Es ist jedoch im Allgemeinen ein Wunder, dass nicht mehr passiert auf diesen Strassen.
Viele hatten mir schon vorher gesagt, dass Delhi nicht unbedingt die beste Stadt ist, um die Indientour zu starten. Hier ist es wesentlich lauter, es gibt noch mehr Menschen, die dir etwas andrehen wollen und im Sommer liegt die Luftfeuchtigkeit bei 90 Prozent (bei 37 Grad Celsius). Also, welcome in India, mister.
Als ich wieder im Taxi bin, sage ich dem Fahrer, er solle mich bitte dennoch zu dem Hotel fahren. Kurze Zeit spaeter - nach einem durchgeschwitzten Hemd - haelt er. Natuerlich irgendwo anders. "Come, sir, is good hotel of a friend of mine" und verschwindet mit meinem Rucksack im Eingang. Da muss ich jetzt durch. Nachdem ich mir kurz ein Zimmer angeschaut habe und der Hotelbesitzer nun gerade meine Uebernachtung klar macht, nutze ich einen kleinen Moment der Aufmerksamkeit, packe mir meinen Rucksack und eile zur Ausgangstuer. "If the other hotel ist really full, I will come back", sage ich im Hinausgehen - und komme nicht wieder zurueck.