Friday, November 2, 2007

Wolke meets Wolke meets Wolke meets Wolke

Vielleicht hatte ich bislang einfach immer nur Pech mit dem Wetter oder einfach keinen Fensterplatz. Vielleicht war ich auch nur sentimental, als ich diese Bilder auf dem Flug von Delhi nach Ahmedabad gemacht habe. Wie dem auch sei. Ich fand den Anblick atemberaubend. Urteilt selbst!

Fliegen mit den Sikhs

Auch die Strassenverhaeltnisse nach Manali waren nicht besser als nach Shimla: enge Spuren, eine Kurve nach der anderen und immer wieder Steine auf der Strasse. Wenn man nicht auf die Fahrspur schaut, stellt man aber erstaunt fest: Hier sieht es aus wie in den Alpen. Wir fahren auf etwa 2000 Metern Hoehe, vorbei an kleinen Wasserfaellen und Laubwaeldern, ueberqueren Flusslaeufe und Staudaemme. Die Haeuser sind teilweise aus Holz gebaut, teilweise stehen hier Fachwerkgebaeude. Als wir nach acht Stunden in Manali ankommen, fletzen wir uns erstmal in die Hollywoodschaukel auf unserem Balkon und geniessen den Ausblick. Die Suche nach unserer Unterkunft war nicht ganz leicht. Zwar ist die Auswahl riesig, da gerade keine Saison ist. Doch was man angeboten bekommt, ist wie so oft sehr abenteuerlich. Mir ist bis heute nicht klar geworden, warum es selbst in etwas besseren Gaestehaeusern keine sauberen Bettlaken gibt. Das Inlay, in dem ich schlafe, ist deshalb mein bester Freund auf der Reise geworden. Saugen oder fegen muss man in den Zimmern auch nicht, finden viele Gaestehausbesitzer. Ich bin ja kein Reinlichkeitsfetischist, der bei jedem Staubkorn aufschreit, aber so ein bisschen Sauberkeit tut doch ganz gut.

Sowieso Sauberkeit. Das ist leider nicht so ganz der Fall hier. Auch wenn man an atemberaubenden Landschaften im Himalaya vorbeifaehrt, sieht man immer wieder riesige Muellkippen. Es faengt mit einer Plastikflasche an, dann kommen schnell die naechsten. Parwan hat mich im Auto ganz verstaendnislos angeschaut, als ich meine leere Flasche nicht aus dem Auto werfen wollte. “Don’t worry, Sir! No problem!”

Ein Problem scheint es dann aber abends fuer ihn zu sein, uns nach Old Manali zu fahren. Wir haben gehoert, dass es dort ein paar nette Cafes und Bars geben soll. Parwan findet, dass da zu viele boese Menschen sind. Wer das ist und was die machen, will oder kann er uns nicht sagen. Nach langem Hin und Her faehrt er uns dann doch. Old Manali besteht aus einer engen Gasse, die sich den Berg hochschlaengelt. Links und rechts sind kleine Stoff- und Kleidungsshops und mittendrin ein paar Cafes und Restaurants. Wir setzen uns in die gemuetlichen Korbstuehle in einem kleinen CafĂ©. In einem Nebenraum sitzen und liegen Anfang-Zwanziger mit Leinenhemden und -hosen, Piercings und Schals. Can fuehlt sich mit seiner Markenjeans und Tanktop unwohl unter diesen Extremalternativos. Manche singen zur schrabbeligen Gitarrenmusik, manche doesen vor sich hin – ein Joint geht rum. Die Gruppe ist aus Israel und zum Abschalten hier. Nach zwei Jahren Militaerdienst kiffen sich viele ein gutes Stueck dieser Zeit wieder aus ihrem Gedaechtnis. Nachdem wir eine Weile den nur bedingt ansprechbaren Leuten beim Doesen zugeschaut haben, faehrt auf einmal Parwan mit dem Wagen vor. Mit seinem Teddybaerengesicht schaut er uns an und fragt: “Everything all right, Sir?” “No problem?” Die Alternativos gucken uns komisch an und fragen sich wohl, was das fuer Schnoesel sind, die ‘nen Fahrer haben.

Am naechsten Morgen brechen wir auf, um zu fliegen. Genauer gesagt wollen wir Paragliden. Vor Indien haette ich das noch fuer die Riesenschnapsidee gehalten. Aber wenn man schon mal die Gelegenheit hat, sich fuer nen Appel und nen Ei in die Tiefe zu stuerzen. Warum nicht? Erdem haelt Can und mich fuer lebensmuede. Wir koennen damit leben. Also kaempft sich an diesem Morgern unser Wagen ueber schlammige Wege mit Schlagloechern den Berg hinauf. Oben angekommen lernen wir unsere Piloten kennen. Chatil (oder so, diese indischen Namen kann man sich einfach nicht merken) ist mein Pilot. Er ist 18 Jahre alt, reicht mir bis zum Kinn und wiegt geschaetzte 60 Kilo. Na ja, die werden schon wissen, was sie tun. Da die Gondel leider kaputt ist, muessen wir den Flugberg hinaufklettern. Voellig schweissgebadet kommen Can und ich oben an. Vor uns stuerzt sich eine Gruppe von Sikhs in die Tiefe. Die Jungs ziehen noch nicht mal zum Fliegen ihren Umhang aus und behalten ihren Dolch bei sich. Und so schweben weissgewandete Glaeubige vor uns ins Tal. Bis hierhin hatte ich keine Angst, doch jetzt kurz vor dem Absprung wird mir doch mulmig.

Dann geht es los. Losrennen, Schirm hochziehen, rennen, rennen. Irgendwie kommen wir nicht richtig von der Stelle. Ich bleibe mit einem Bein im hohen Gras haengen. Dann endlich gleiten – und geniessen. Der Anblick in die Tiefe ist atemberaubend. So fuehlen sich also Voegel. Unten angekommen bin ich richtig aufgedreht, aber auch ein wenig enttaeuscht. Denn statt der fuenf bis 20 Minuten hat der Flug gerade mal 3 ½ Minuten gedauert. Eigentlich kein grosses Ding. Aber irgendwie haben Can und ich uns dann doch so verarscht gefuehlt, dass wir ein wenig Geld zuruckhaben wollten. Also verhandeln. Wer mit Indern verhandelt, der braucht Geduld und muss standhaft bleiben. Wie gut, dass wir nun schon laenger im Lande sind und uns so auch nach einer Viertel Stunde nicht geschlagen geben. Es zahlt sich aus.

Auch die Trekkingtouren, die wir unternehmen, zahlen sich voll aus. Bis zu 3500 Meter hoch sind wir gekrackselt. Bis zur Indienreise war ich ja der absolute Meer-Mensch. Auch wenn das Wandern in Schottland im letzten Jahr schoen war. Ausdauernd geniessen konnte ich Bergtouren bislang nicht. Das hat sich geaendert. Mehrere Stunden lang klettern wir den Hang hinauf – und es ist einfach nur schoen. Die Ruhe ist toll.

Tuesday, October 16, 2007

Alkohol auf dem Berg


Auf unserem Weg nach Manali machen wir an einem Rastplatz halt, von dem man aus einen schoenen Ausblick ueber die Gegend haben soll. Wie bloed nur, dass es irre neblig ist und man nichts sieht. Egal. Da wir uns die Beine vertreten wollen, steigen wir aus dem Auto aus und laufen ein wenig herum. Schon nach kurzer Zeit werden wir von ein paar jungen Indern angesprochen. Das ist eigentlich nichts Aussergewoehnliches. Hier wird man staendig angesprochen. Das Erstaunliche dabei ist immer: Zunaechst bedraengen einen die Leute, als wollten sie einem Loecher in den Bauch fragen. Nach "Where are you from?" und "What's your name?" drehen sie sich aber einfach ploetzlich um und gehen weiter, als waere man Luft. Komisch.

Die Inder, die wir hier auf dem Berg treffen sind auf jeden Fall nicht so drauf. Wir unterhalten uns ueber Fussball, die Gegend und Deutschland. Die Stimmung unter den Indern ist mehr als ausgelassen - sie sind naemlich sturzbreit. Indien ist wirklich ein Land der krassen Gegensaetze. Denn Alkohol trinken die Leute hier nur selten, wenn ueberhaupt. In Bundesstaaten wie Gujarat, wo auch meine Uni ist, ist Alkohol sogar verboten (mehr dazu demnaechst). Wenn die Leute jedoch was trinken, dann hauen sie sich so richtig die Hacke voll. So auch diese Jungs, die gerade Ferien haben und einen Ausflug machen. Da Inder gerne teilen, kriegen wir natuerlich auch einen Schluck ab - und dann ne ganze Flasche. Da es gerade 15 Uhr ist, finde ich einen Schluck ausreichend, um meiner Geselligkeit Ausdruck zu verleihen. Das reicht den Jungs aber nicht. Auf einmal fangen sie an, uns das Bier aufzudraengen, fangen an zu grabschen (!) und zu groelen. Schlussendlich bleibt uns nur die Flucht ins Auto. Als ich eingestiegen bin, mache ich lieber den Tuerknopf herunter. Gut so, denn diese Jungs sind hartnaeckig, kleben an der Fensterscheibe, versuchen die Tuer zu oeffnen. Parwan gibt Gas, wir sind weg.





Links: Sicher im Auto vor dem irren Blick.

Sunday, October 7, 2007

Gegen die Affenbande

Auf unserer Himalaya-Tour steuern wir zwei Staedte an. Shimla und Manali. Wir wuerden gerne danach noch weiter in den Norden, um in der Gegend von Leh und Ladakh auf den Hochplateaus zu wandern. Leider fehlt uns die Zeit. Also Shimla und Manali.

Shimla ist nur Durchgangsstation fuer uns, weil es einfach zu touristisch hier ist. Frischverheiratete indische Ehepaare geniessen hier ein paar schoene Tage, wir machen nur eine kleine Wanderung. Sie fuehrt uns zum “Jakhu”-Tempel, dem Affen-Tempel. Nach einem Trip durch den nebligen Wald kommen wir an. Als wir Verkaeufer sehen, die krumme Wanderstoecke verkaufen, denken wir gleich an Touristennepp. Haetten wir mal einen genommen! Der Tempel heisst nicht umsonst Affentempel. Der urspruengliche Name ruehrt daher, dass hier die Fussabdrucke von Hanuman zu sehen sein sollen. Hanuman war der Anfuehrer einer Affenarmee, die der Gottheitsinkarnation Rama beim Kampf gegen einen Daemon half. Heute traegt der Tempel aber auch deshalb den Namen, weil es von Affen nur so wimmelt. “Ach wie niedlich, diese kleinen Racker”, denkt man sich und moechte am liebsten gleich einen in den Rucksack stecken; als Kuscheltier fuer zu Hause. Die Affen mit den krummen Stoecken zu verjagen, kommt fuer uns gar nicht in die Tuete. Ich hatte vorher zwar gelesen, dass die Affen gerne mal ein bisschen Essen mopsen oder sich etwas aus dem Rucksack stiebitzen. Aber was soll man sich so aufregen: Einfach schnell alles eingepackt.


Als ich einen Moment unaufmerksam bin, passiert dann aber etwas womit ich ueberhaupt nicht gerechnet hatte. Das Muttertier, dessen Kind wir gerade noch als so suess in Augenschein genommen hatten, laesst ihr Kleines herunterplumpsen, springt auf mich zu und schnappt mir die Brille von der Nase. Ohne dass es mich sonst im Gesicht beruehert, ohne Kratzer. Was nun? Gluecklicherweise hat sich einer der Shimlaner darauf spezialisert, dummen Westlern wie mir ihre Gegenstaende zuruckzuholen. Er tauscht mit dem Affen Nuesse gegen Brille. Ich tausche dann 20 Rupees gegen meine Brille ein. Waere auch zu aergerlich gewesen, wenn ich mir schon wieder eine neue Brille haette kaufen muessen. In Ahmedabad war meine vorige einfach so in der Mitte zerbrochen. Kostenpunkt fuer die neue Brille: 22 Euro. Dauer von der Bestellung bis zum ersten Anprobieren: 24 Stunden. Das nenne ich mal Dienstleistungsgesellschaft. Auf dem Weg zurueck muessen wir uns gegen einen der Racker mit blutunterlaufenen Augen wehren. Wie gut das Can – vielleicht schon trainiert durch die Vorbereitung auf seine zukuenftige Karriere? – einen kraeftigen Karatetritt gegen den Affen einsetzt. Das ist auch das freche Vieh beeindruckt. Thank you, Tom Cruise!


Ich mit neuer Brille in der Riksha mit Erdem und Can.

Indischer Huprhythmus meets Steinschlag

Der Himalaya ist mit Sicherheit das Highlight unserer Reise. Wir haben uns in Delhi nach langem Hin- und Herueberlegen ein Auto mit Fahrer gemietet. Zu fliegen waere sehr teuer gewesen. Haetten wir den Bus genommen, haetten wir nach jeder 8-stuendigen Bustour einen halben Tag gebraucht, um uns davon zu erholen. Bei den Busfahrten fuehlt man sich wegen der vielen Schlagloecher wie ein Astronaut: die Stossdaempfer katapultieren einen alle paar Sekunden aufs Neue in die Luft – man ist wie schwerelos.

Das Auto ist also ein guter Mittelweg. Unser Fahrer auf der Tour ist Parwan. Parwan ist 24 Jahre alt und natuerlich schon verheiratet. Mit dem Heiraten ist es in Indien so: Auf den Doerfern “vermitteln” die Eltern weiterhin haeufig ihre Kinder. No choice! Wenn man Glueck hat, schicken die Eltern vorher ein paar Fotos von der moeglichen Braut/dem moeglichen Braeutigam. Dann koennen die beiden noch zustimmen. Oft ist es dann so, dass sich die beiden erst an dem Tag von Angesicht zu Angesicht gegenenueberstehen, an dem sie sich verloben. Wer in einer moderneren Familie aufwaechst, hat die Wahl - sollte sich aber beeilen. Wenn eine Frau mit etwa 24 und der Mann mit circa 30 noch keinen Partner fuers Leben gefunden hat, dann suchen die Eltern eben jemanden.

Wenn Parwan Auto faehrt, dann hupt er gerne im Rhythmus zur indischen Musik. Ab und zu macht er waehrend der Fahrt seine Autotuer auf, um hinauszuspucken. Er koennte auch das Fenster herunterkurbeln, doch dann koennten seine Spuckreste einen rot-braunen Streifen hinterlassen. Denn der Grund fuer seine andauernden Spuckattacken ist der Kautabak in seinem Mund. Das Zeug sieht aus wie feiner, grauer Kies und schmeckt wie eine Mischung aus Sand, Mehl und Pfefferminzbonbons. Und es macht einen hellwach. Ich habe es einmal probiert. Wenn man eine Packung davon in den Mund fuellt, fuehlt man sich, als haette man einen fuenffachen Espresso getrunken: wie auf Drogen und hellwach. Wenn man die Tabakspucke herunterschluckt, kriegt man Magenschmerzen und Schluckauf. Deshalb laesst man das lieber. Parwan haut sich jedenfalls jeden Tag 20 Packungen Kautabak rein. “Ich muss ja wach bleiben”, sagt er und lacht dabei.

Es ist gut, dass er staendig hellwach ist. Denn wenn sich das Auto im Himalaya immer weiter serpentinenartig in die Hoehe schraubt, muss man gut aufpassen. Ueberholen ist hier Pflicht – egal, ob man fuenf Laster vor sich hat oder die naechste Kurve nicht mehr weit ist. Einen kleinen Eindruck (das ist noch sehr harmlos), wie das aussieht, liefern die ersten paar Sekunden dieser beiden Videos:

http://www.youtube.com/watch?v=wwO1uUMzniE

http://www.youtube.com/watch?v=1v2UfspiV-o

Auch wenn es haeufig eng und brenzlig wird – irgendwie passt es dann doch. Gott Shiva wird’s schon richten. Und so ist man nach kurzer Zeit auch dann voellig unbeeindruckt, wenn man durch einen kilometerlangen Tunnel faehrt, der nicht beleuchtet ist. Autos ohne Licht? Wieso sollte uns das noch schocken?! Ein wenig mulmig wurde uns dann aber doch, als fast ein Steinschlag auf uns herniederging. Wir waren alle ein wenig am Doesen, als wir ploetzlich nicht mehr weiterfahren konnten. Parwan stieg aus und fragte, was los sei: Etwa eine halbe Minute vorher waren kurz vor uns ein paar maechtige Steine auf die Strasse gekracht. Glueck gehabt!


Friday, September 7, 2007

Tom Cruise


Als hellhaeutiger Mensch wird man hier - wie schon unten mal angemerkt - haeufig sehr intensiv unter die Lupe genommen. Die Leute starren einen an wie einen Ausserirdischen, minutenlang. Meinem Mitfahrer Can (links im Bild; rechts ist Erdem, der zweite deutsche Austauschstunden, der in Delhi zu uns gestossen ist) wird fast tagtaeglich gesagt, er sehe aus wie Tom Cruise und solle deshalb unbedingt nach Bollywood gehen. Bei mir hat es bislang nur fuer einen Vergleich mit Harry Potter gereicht - ausbaufaehig sage ich mal. Ein weiterer Unterstuetzer der "Can-muss-nach-Bollywood"-Initiative aeussert sich hier:
http://www.youtube.com/watch?v=UcpDBrPiqJ0

Mal sehen, wie ihr mit seinem Englisch zurechtkommt.

Thursday, September 6, 2007

Gegen den Strom

Eine Rikshafahrt durch Delhi. Ob man mit oder gegen den Verkehrsfluss faehrt, interessiert hier niemanden. Hauptsache man kommt durch. Seht selbst unter:
http://www.youtube.com/watch?v=iM8_bi_tAvg

Friday, August 24, 2007

Kurzbesuch an der Uni

In Ahmedabad haben wir uns mal an der Uni umgeschaut. Der erste Einruck: Sehr huebscher Campus, hilfreiche Mitarbeiter und chaotische Organisation. Wir haben Moritz und Basti, die im vorigen Semester dort studiert haben, getroffen und das erste Mal das Mensaessen gekostet: Reis mit Gemuesematsch und irre scharfer Sosse. Lecker, wie eigentlich fast immer in Indien.


Sport kann man auch gut auf dem Campus treiben: Tennis, Fussball, Badminton und ein eigenes Fitnessstudio stehen den Studenten zur Verfuegung. Da die Studenten hier wenig schlafen und viel arbeiten, kommen sie manchmal erst spaetabends dazu. Als wir gegen 24 Uhr den Campus verlassen, spielen ein paar Studenten Tennis, kicken und rennen auf den Laufbaendern. Komischer Rhythmus.

Einen Vorgeschmack auf meinen Geburtstag habe ich auch schon bekommen. Hier ist Sitte, dass dem Geburtstagskind der Arsch versohlt wird, dass es nur so knallt. Man wird an Armen und Beinen gepackt, hochgehalten und dann den klappernden FlipFlops oder auch festeren Schuhen zum Frass vorgeworfen. Danach knallt einem der "Guest of Honor" ein Stueck Torte ins Gesicht. Zum Abschluss muss das Geburtstagskind eine glorreiche Rede halten. Alles ziemlich albern, aber Sitte ist nunmal Sitte.



Hier noch ein Foto aus Jaipur. Kinder freuen sich immer tierisch, wenn man sich mit ihnen ablichten laesst.




Der "Hennes" von Indien.

Auf dem Amt

Entschuldigt, dass ich laengere Zeit nichts geschrieben habe. Es ist leider manchmal schwierig, ein Internetcafe mit einigermassen schneller Verbindung zu finden.


Nach unserem sehr entspannten Aufenthalt in Udaipur sind wir Richtung Ahmedabad aufgebrochen. Die Fahrt dorthin hat uns der Staat Indien eingebrockt. Wer ein Visum mit einer Gueltigkeit von mehr als 180 Tagen hat, muss sich registrieren lassen. Herzlichen Glueckwunsch kann man nur sagen, wenn man mit der indischen Buerokratie zu tun hat. In Ahmedabad darf man sich auf das Chief Police Commissioners Office freuen.


An der Toreinfahrt wird man gleich von Polizisten mit Maschinengeweheren empfangen. Auch sonst ist die Polizei hier anders ausgeruestet als in Deutschland. Die Polizisten patroullieren mit hoelzernen Schlagstoecken in der Hand durch die Strassen. Die Verkehrspolizei laeuft mit Schraubenziehern bewaffnet durch die Strassen, um boesen Fahrradrikshafahrern die Reifen zu zerstechen (was sie dann gegen ein kleines Trinkgeld natuerlich doch nicht tun). Meistens sitzen oder stehen Polizisten aber nur gelangweilt herum, rauchen oder unterhalten sich.


Wenn man die Einreisebehoerde der Polizei betritt, ist es wie so oft in Indien: ein Mensch arbeitet, drei oder vier stehen um ihn herum, geben lautstark Ratschlaege und diskutieren, was der eine dort gerade macht. Immerhin: So sind weniger Leute arbeitslos.



Der Aufenthaltsraum ist spartanisch eingerichtet. Auf einem Pappkarton thront ein riesiger Fernseher. Um die langen Wartezeiten zu ueberbruecken koennte man sich also zwischendurch ein Cricketspiel anschauen (Cricket ist hier DER Sport), einen der drei Astro-TV-Kanaele einschalten oder sich an den Bollywood-Sing-Tanz-Einlagen erfreuen. Wie schade nur, dass der Fernseher mit dem Ruecken zu den Wartenden steht und deshalb nur die Mitarbeiter und der Hausmeister etwas davon haben.


Nachdem wir einige Zeit gewartet haben, schleppt sich ein Mitarbeiter zu uns und bittet uns zu sich. Er fragt mich, was ich denn hier ueberhaupt wolle. Jetzt wird es schwierig. Denn ich kann ihn nicht davon ueberzeugen, dass sechs Monate mehr als 180 Tage sind. Mehrmals addiert er die Wochen und Tage auf einem Schmierzettel und kommt dann zu dem Ergebnis: Alles durchstreichen. Schliesslich reicht er mir einen vergilbten Hefter voller brauner Flecken, in den ich viermal das gleiche eintragen muss. Kopieren? Geht nicht. Ausserdem braucht man sechs Passfotos.



Sowieso braucht man hier staendig Passfotos: Ob man seinen Mobilfunkvertrag beantragt, in den Sportclub will oder sich fuer Unikurse anmeldet: Unter zwei Passbildern geht gar nichts. Ich stelle mir vor, wie sie sich riesige Fotocollagen zusammenbasteln und sich ueber unsere komischen Automatenfotos lustig machen.


Damit es nicht zu leicht fuer uns wird, duerfen wir nicht am selben Tag mit den ausgefuellten Unterlagen wiederkommen. Einem Mitarbeiter faellt auf einmal ein: "Aem, we have holidays today afternoon." Da aller guten Dinge aber drei sind, muessen wir auch an dem darauf folgenden Tag noch einmal wiederkommen. Es steht ein "Interview" mit dem Chief Police Commissioner an. Nachdem wir zwei Stunden gewartet haben, haben wir die Ehre uns stillschweigend vor ihm hinzusetzen und uns anzusehen, wie der Mann mit den rot gefaerbten Haaren unsere Unterlagen lustlos unterschreibt und uns mit einer majestaetischen Geste aus dem Raum hinauswinkt - ohne ein Wort zu sagen.

Saturday, August 18, 2007

Udaipur / Unterwegs sein



Udaipur
Can und ich sind mittlerweile in Udaipur angekommen: Eine wahre Oase der Ruhe im Vergleich zu unseren vorigen Stationen Delhi, Agra und Jaipur. Wobei Can auch jetzt noch an jeder Ecke angesprochen wird. "Ahh, you are filmstar?". "Ahh, very nice arms." Langsam wird er sich ueberlegen muessen, ob nicht die grosse Karriere in Bollywood (in Mumbai) auf ihn wartet.
Hier in Udaipur gibt es mehrere sehr schoene Seen, die umrahmt werden von kleinen Bergen. An den Seen liegen einige der schoensten Hotels in ganz Indien. Kein Wunder also, dass Udaipur Drehort fuer den Bond-Klassiker "Octopussy" war. Vom Sonnenuntergang haben wir heute leider nur ein bisschen mitbekommen, weil wir von der Busfahrt noch so geschlaucht waren, dass wir ein Nickerchen eingelegt hatten. Jedoch auch die letzten paar Minuten des Sonnenuntergangs waren atemberaubend. Morgen Abend werden wir noch mal die Gelegenheit haben, uns das Schauspiel in voller Laenge anzuschauen.

Unterwegs sein
Wer in Indien unterwegs ist, kommt um die Riksha nich herum. Fuer kurze Wege empfiehlt sich die Fahrradriksha, auf der sich vorne abgemagerte Maenner irre abstrampeln, waehrend hinten zwei Fahrgaeste Platz haben. Am liebsten moechte man manchmal absteigen und schieben helfen. So eine Kraftanstrengung ist es schon bei kleinsten Steigungen. Mit einem ordentlichen Trinkgeld ist den Leuten aber sich noch besser geholfen.

Die schnellere und lautere Variante ist die Auto-Riksha. Man startet sie wie einen Rasenmaeher mit einem kraeftigen Zug an einem Hebel. Die Lautstaerke erinnert auch an einen Rasenmaeher und wird nur durch das staendige Hupen unterbrochen. Ob man ueberholt, ausweicht, abbiegt - man hupt als Rikshafahrer immer. Wenn man in seinem Guest-House ist und das Fenster aufmacht, hoert es sich immer an als waere Indien gerade Cricketweltmeister geworden - solch eine Lautstaerke ist das.

Auf der Strasse regiert das Recht des Staerkeren. Fahrrad-Rikshas weichen Autorikshas aus; Auto-Rikshas richtigen Autos und die wiederum den Bussen. Die Busse sind besonders in Delhi sehr gefuerchtet. In den letzten Wochen hat es alleine in Delhi Dutzende Unfaelle gegeben, bei denen Busse Rikshafahrerer oder Fahrradfahrer (ja, auch solche Verrueckte gibt es hier) totgefahren haben - ein Seite1-Thema in allen Tageszeitungen. Auch bei einer unserer Fahrten haben wir mal nen Fahrradfahrer umgemangelt. Der Fahrer hat nur kurz rausgeguckt und ist dann weitergefahren. Es ist jedoch im Allgemeinen ein Wunder, dass nicht mehr passiert auf diesen Strassen.

Wednesday, August 15, 2007

Ankunft in Delhi

Viele hatten mir schon vorher gesagt, dass Delhi nicht unbedingt die beste Stadt ist, um die Indientour zu starten. Hier ist es wesentlich lauter, es gibt noch mehr Menschen, die dir etwas andrehen wollen und im Sommer liegt die Luftfeuchtigkeit bei 90 Prozent (bei 37 Grad Celsius). Also, welcome in India, mister.

Das Abenteuer beginnt am Flughafen. Denn hier geht der Nepp los. Es gibt Dutzende Taxianbieter, die die Touristen zu einem "very good hotel, very good price" fahren wollen. Natuerlich gehoert das Hotel eigentlich einem Freund, der dem Taxifahrer dann eine ordentliche Kommission zahlt. Wer im Reisefuehrer blaettert, weiss das und bucht deshalb ein PrePaid-Taxi, um so auch ueberhoehte Preise zu vermeiden. Mein Taxifahrer wirkt sehr symphatisch und so unterhalten wir uns gut ueber Delhi, Deutschland und einige Pilger, die durch die bruetende Mittagshitze an uns vorbeischleichen. Sie sind in organgefarbenen Gewaendern mehrere hundert Kilometer von zu Hause unterwegs, um Wasser aus dem Ganges zu holen.

Als wir in die Innenstadt fahren, weiss mein Fahrer auf einmal nicht, wo mein vorreserviertes Guest-House ist. Ich habe ihm die Adresse eines Guest-Houses gegeben, das direkt nebenan liegt. Er meint, wir sollten lieber mal in einem "Tourist-Office" nachfragen. Widerstand ist zwecklos. In dem Office empfaengt mich ein junger Mann in einem kleinen strahlend-weissen Raum. Ausser einem massiven Holztisch und seinem Computer gibts hier nix. Er fragt nach meinem Hotel, waehlt eine Nummer und haelt mir den Hoerer hin.
Achtung Schauspieleinlage: An der anderen Seite meldet sich der vermeintliche Hotelmanager und teilt mir mit vielen Ohs und Ahs mit, dass mein Guest-House voll sei. Es haetten 70 Leute (das Guest-House hat ca. 30 Zimmer) den Flieger nicht bekommen und muessten deshalb eine Nacht laenger bleiben. "I am very sorry, Sir."

Spaetestens jetzt ist klar, dass ich gleich bei einem Freund des Freundes eines Freundes des Taxifahrers landen werde. Nachdem mir auch der Tourist-Office-Manager sein groesstes Beileid ausgesprochen hat, empfiehlt er ein Hotel. Er hat meinen Reisefuehrer durchgeblaettert und empfiehlt mir dankenswerterweise noch: " Be careful, there is a lot of people that want to bring you not to the right hotel" und zeigt dabei in den Reisefuehrer. So freundlich koennen sie sein, die Inder.

Als ich wieder im Taxi bin, sage ich dem Fahrer, er solle mich bitte dennoch zu dem Hotel fahren. Kurze Zeit spaeter - nach einem durchgeschwitzten Hemd - haelt er. Natuerlich irgendwo anders. "Come, sir, is good hotel of a friend of mine" und verschwindet mit meinem Rucksack im Eingang. Da muss ich jetzt durch. Nachdem ich mir kurz ein Zimmer angeschaut habe und der Hotelbesitzer nun gerade meine Uebernachtung klar macht, nutze ich einen kleinen Moment der Aufmerksamkeit, packe mir meinen Rucksack und eile zur Ausgangstuer. "If the other hotel ist really full, I will come back", sage ich im Hinausgehen - und komme nicht wieder zurueck.